
Was bedeutet der Umzug der Schmerzklinik nach Großburgwedel für Sie, Ihr Team und die Patientinnen und Patienten?
Wir sind nach vier Jahren an unseren Ursprungsstandort zurückgekehrt. Viele Mitarbeitende freuen sich darüber, denn für sie war es eine Rückkehr an einen vertrauten Arbeitsplatz. Wir haben eine sanierte Station im Bestandsgebäude bezogen, also überwiegend renovierte Räumlichkeiten. Für unsere Patientinnen und Patienten macht die Örtlichkeit keinen großen Unterschied. Sie kommen weiterhin aus sämtlichen nördlichen Bundesländern zu uns.
Vergrößert sich die Klinik?
Aktuell verfügen wir über die gleiche Bettenzahl wie an unserem bisherigen Standort in Lehrte. Langfristig können wir uns aufgrund der großen Nachfrage jedoch durchaus eine Erweiterung vorstellen. Die Personalstärke ist beim Umzug 1:1 bestehen geblieben. Wir haben etwa 50 Mitarbeitende, darunter zehn Ärzte aus verschiedenen Fachdisziplinen, unter anderem Orthopädie/Unfallchirurgie, Allgemeinchirurgie sowie Anästhesie. Insofern sind wir weiterhin breit aufgestellt. Außerdem gehören zum Team der Schmerzklinik fünf Psychologinnen, dazu versierte Pflegekräfte, unter ihnen auf Schmerz spezialisierte Pain Nurses und Fachleute aus der Physiotherapie mit viel Expertise.
Was kann sich der Laie unter multimodaler Therapie in der Schmerzklinik vorstellen?
Die Behandlung ruht auf drei Säulen – medizinisch-ärztlicher Therapie, Physiotherapie und psychologischen Einheiten, letztere gehören klar zum Konzept.
Mit welchen Arten von Schmerz sind Sie am häufigsten konfrontiert?
Über die Hälfte der Fälle hat mit verschiedenen Formen von Rückenschmerzen zu tun. Eine ebenfalls große Gruppe leidet unter Neuropathien, also Nervenschmerzen: Dafür kann auch eine Rückenproblematik ursächlich sein, aber die Schmerzen können ebenso nach Gürtelrosen bestehen, nach Amputationsverletzungen oder durch Diabetes. Die dritte große Gruppe ist bei uns wegen chronischer Kopfschmerzen.
Und wenn sich eine psychosomatische Erkrankung durch Schmerzen ausdrückt, aber keine körperliche Ursache gefunden wird?
Wir erleben, dass Menschen zwischen körperlichem und seelischem Schmerz manchmal nicht unterscheiden. Da gab es vielleicht mal einen Bandscheibenvorfall und nahezu zeitgleich den Verlust des Partners. Betroffene sagen einfach: „Mir geht es nicht gut.“ Aber die körperliche Ursache für ihre Schmerzen ist ausgeheilt, trotzdem leiden diese Patientinnen und Patienten. Wenn wir in der Schmerzklinik herausfinden, dass möglicherweise die seelische Belastung zu Schmerzen führt, bekommen diese Menschen verstärkt psychotherapeutische Unterstützung. Anfangs verstehen manche nicht, dass ihnen dies ebenfalls helfen kann. Dazu muss man wissen, dass wir oft mit einer Patienten-Persönlichkeit zu tun haben, die es gewöhnt ist durchzuhalten und dies auch als normal empfindet.
Und irgendwann geht es doch nicht mehr?
Trauer und seelische Belastung können Schmerzen am Leben halten, obwohl die körperliche Ursache für den Schmerz bereits überwunden ist. Wir wissen, dass Schmerz auch eine Funktion haben kann: Wer Mobbing am Arbeitsplatz erlebt und unterbewusst eigentlich gar nicht mehr zur Arbeit gehen möchte, kann chronische Schmerzen entwickeln. Dann ist es an uns, dem Betroffenen aufzuzeigen, dass nicht der Schmerz sein eigentliches Problem ist, sondern dass es biosoziale Belastungsfaktoren gibt.
Was ist der Vorteil einer stationären Behandlung in einer Schmerzklinik?
Wir haben einen ganzheitlichen Ansatz, indem wir Körper, Seele und das soziale Umfeld gleichermaßen betrachten. Bei uns werden Patientinnen und Patienten aufgenommen, wenn sämtliche Maßnahmen der leitliniengerechten Therapie ausgereizt sind und diese keine Besserung gebracht haben. Der Vorteil einer stationären Behandlung ist, dass wir sofort nachhalten, ob ein Medikament oder eine therapeutische Maßnahme wirkt. Wenn nicht, versuchen wir eine Alternative. Geht jemand in die ambulante Praxis und bekommt dort eine Spritze oder eine Tablette verordnet, vergehen wieder einige Wochen bis zum nächsten Arztbesuch, bis die- oder derjenige eine positive oder auch negative Rückmeldung geben kann.
Inwiefern behandeln Sie anders in der Klinik, also anders als niedergelassene Schmerztherapeuten oder Ärzteschaft?
Auch in der niedergelassenen Schmerztherapie wird selbstverständlich sehr individuell behandelt. Unser Vorteil liegt vor allem in den Möglichkeiten der stationären Versorgung. Wir können unsere Patientinnen und Patienten engmaschig medizinisch überwachen und dadurch auch komplexere medikamentöse Therapien sicher durchführen. Das ist insbesondere bei älteren oder multimorbiden Menschen sowie bei Patienten, die bereits zahlreiche Medikamente einnehmen, von großer Bedeutung. Gerade beim Einsatz stärkerer oder zentralwirksamer Medikamente können Nebenwirkungen auftreten, die eine intensive Überwachung erforderlich machen. Im stationären Rahmen können wir darauf unmittelbar reagieren und die Therapie entsprechend anpassen. Dabei nutzen wir ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten, darunter auch Antidepressiva, Neuroleptika, Cannabis oder Botox. Hinzu kommt die intensive persönliche Betreuung. Unsere Patientinnen und Patienten spiegeln uns immer wieder, dass sie sich bei uns besonders gut aufgehoben fühlen.
Hat die Behandlung denn immer Erfolg?
Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern und mehr Lebensqualität zu schaffen. Bei einem Großteil unserer Patientinnen und Patienten erreichen wir eine spürbare Besserung. Wir schätzen, dass dies bei bis zu 90 Prozent der Behandelten der Fall ist. Diese Einschätzung basiert auf den regelmäßigen Befragungen zum psychischen und körperlichen Befinden, die wir sowohl vor als auch nach dem stationären Aufenthalt durchführen. Diese Erhebungen sind übrigens auch von den Krankenkassen vorgeschrieben. Erstaunlich ist, dass zu den gesundheitlichen Fortschritten auch die Mitpatientinnen und Mitpatienten beitragen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Wer neu bei uns eintrifft, wird automatisch geerdet. Es ist normal, dass kranke Menschen mit starken Schmerzen glauben, sie hätte es besonders schwer erwischt. Bei uns in der Schmerzklinik erleben sie, dass es auch andere Betroffene gibt. Unter den Patientinnen und Patienten entstehen sogar Freundschaften, sie fühlen sich von den anderen verstanden, oft besser als in ihrem privaten Umfeld.
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Klare Kriterien für die Aufnahme
Eine Behandlung in unserer Schmerzklinik erfolgt immer stationär. In der Regel erfolgt eine Einweisung durch einen niedergelassenen Arzt. Dennoch müssen Patientinnen und Patienten mindestens drei von den nachfolgend aufgeführten Kriterien erfüllen, um aufgenommen werden zu können – und dies muss auch durch medizinische Unterlagen dokumentiert sein:
- chronische Schmerzen, die länger als drei Monate schon andauern
- eine ambulante fachärztliche Therapie ist fehlgeschlagen
- die seelische Belastung ist sehr hoch
- es besteht eine gravierende somatische Begleiterkrankung wie schwerer Diabetes oder eine Herzerkrankung
Dies wird in einem telefonischen Vorgespräch geklärt, genauso ob die Patientin oder der Patient fit ist oder vielleicht einen Rollator benötigt, auch ob sie oder er bereits eine Psychotherapie gemacht hat. Vor dem stationären Aufenthalt erfolgt eine ausführliche ärztliche und pflegerische Anamnese vor Ort. Diese dauert bis zu vier Stunden. Der eigentliche Aufenthalt erstreckt sich in der Regel auf zwei Wochen. Da die Schmerzklinik immer voll belegt ist, beträgt die Wartezeit für eine stationäre Behandlung – von besonders dringenden Ausnahmen abgesehen – zwei bis drei Monate.