
Gibt Tipps gegen den Jetlag der Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit: Tobias Freundt.
Die Zeitumstellung bringt viele Menschen aus dem Takt – und führt erwiesenermaßen sogar zu mehr Unfällen und Herzinfarkten. Tobias Freundt, Schlafmediziner und leitender Oberarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin am KRH Klinikum Siloah, erklärt im Interview mit Leonie Habisch von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, warum das so ist und wie man sich auf die Zeitumstellung einstellen kann.
Herr Freundt, viele Menschen klagen bei der Zeitumstellung über Müdigkeit und Jetlag-ähnliche Symptome. Warum ist das so?
Die eine Stunde ist zwar nicht viel, bringt aber trotzdem den Biorhythmus durcheinander. Dementsprechend gibt es dann vermehrt Schlafstörungen. Manche Menschen können nicht gut einschlafen, andere nicht gut durchschlafen, und dann ist der Schlaf nicht erholsam. Studien zeigen, dass es gerade in den ersten ein, zwei Wochen nach der Zeitumstellung vermehrt Herzinfarkte und auch Verkehrsunfälle gibt. Letzteres ist gerade rund um Hannover wegen der vielen Autobahnkreuze ein Thema, da hat man immer wieder erhöhte Unfallzahlen. Diese Auswirkungen von Müdigkeit und Jetlaggefühl zeigen sich besonders bei der Umstellung von der Winter- zur Sommerzeit.
Wie lange dauert es in der Regel, bis man sich an die neue Zeit gewöhnt hat?
Das lässt sich nicht genau festlegen. In der Regel dauert es ein paar Wochen, bis sich der eigene Rhythmus wieder umgestellt hat.
Wie kann man sich die Umstellung erleichtern?
Es gibt die Empfehlung, die Einschlafzeit ein bis zwei Wochen vor der Zeitumstellung schon peu à peu zu verschieben, sodass der Wechsel dann nicht so harsch ist. Wenn man die Zeit langsam um 10 bis 15 Minuten verschiebt, fällt der Wechsel nicht so sehr ins Gewicht. Ansonsten ist Schlafhygiene das Hauptthema. Dazu gehören mehrere Punkte. Man sollte nach Möglichkeit immer zur gleichen Uhrzeit schlafen gehen und in einem abgedunkelten und kühlen Raum schlafen. Die optimale Temperatur liegt zwischen 18 und 20 Grad. Kurz vor dem Einschlafen sollte man nicht unbedingt noch eine Schweinshaxe essen, sodass man dann wegen des schweren Essens nicht mehr richtig gut schlafen kann. Gleiches gilt für spannende Krimis, die einen aufregen. Man sollte also eine Umgebung schaffen, die für das Schlafen wirklich auch funktioniert.
Und was kann man morgens tun, um nach dem Aufstehen besser in Fahrt zu kommen?
Da gibt es nicht ganz so viel. Letztlich sollte man seinen normalen Tagesablauf so gut es geht beibehalten und sich nicht der Müdigkeit hingeben und noch mehrere Stunden liegenbleiben. Das führt dann nur dazu, dass der Biorhythmus noch mehr durcheinandergerät.
Ein ursprüngliches Ziel der Zeitumstellung war ja, das begrenzte Tageslicht besser zu nutzen. Wie geht das aus medizinischer Sicht?
Je mehr man sich an der frischen Luft bewegt, desto besser. Dann wird das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet, und das hat einen positiven Effekt auf den Körper. Das trägt dazu bei, dass man sich insgesamt frischer und ausgeruhter fühlt.
Was halten Sie von Melatonintabletten oder anderen Mitteln, die beim Einschlafen helfen sollen?
Melatonin ist das Hormon, das den Schlaf anstößt. In den letzten Jahren ist es zunehmend in Mode gekommen, Melatonin als Medikament zu sich zu nehmen. Viele Menschen leiden unter Schlafstörungen, und immer mehr solcher Präparate sind im freien Handel erhältlich. Sie sollen dabei helfen, den Schlaf anzustoßen. Aber sie werden meiner Meinung nach ein wenig zu viel genutzt. Gerade bei Leuten, die nur kurzfristig mit Schlafstörungen zu tun haben, ist die Einnahme von Melatonin nicht empfehlenswert. Bei Schlafproblemen arbeitet man in der Regel erst einmal an der Schlafhygiene. Und wenn das nichts bringt, kann man Medikamente einsetzen. Also bei chronischen Schlafstörungen oder auch bei Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, kann man mit Melatoninpräparaten nachhelfen. Generell sind diese aber mit Vorsicht zu betrachten.
Ab wann sollte man wegen Schlafstörungen zum Arzt gehen?
Bei vorübergehenden Problemen, wie beispielsweise der Zeitumstellung, sollte man nicht im Sinne der Selbstoptimierung versuchen, möglichst schnell damit klarzukommen. Da sollte man sich einfach ein paar Tage Zeit geben, anstatt sofort zu Medikamenten zu greifen. Wer aber über mehrere Monate Schlafstörungen hat, sollte diese ärztlich abklären lassen. Manchmal haben die Schlafstörungen rein mit dem Schlaf zu tun. In anderen Fällen sind sie Teil von anderen Erkrankungen, das muss man dann klären.
Warum leiden manche Menschen stark unter der Zeitumstellung, während andere den Wechsel gut verkraften?
Auch das ist eine Frage der Biorhythmik. Es gibt zwei verschiedene Grundtypen: die Lerchen und die Eulen. Also die Frühaufsteher und die, die etwas später aufstehen. Für die einen wird es dann leichter oder weniger leicht, sich an die Umstellung zu gewöhnen, weil es dem eigenen Rhythmus zugutekommt, oder eben nicht. Neben diesen Typen ist auch der Hormonspiegel ein Faktor, der Einfluss darauf hat, wie gut man mit der Umstellung klarkommt. Man sieht das beispielsweise auch bei Reisen: Manche haben keine Probleme mit Jetlag, andere umso mehr. Und das hängt vom Grundtyp und vom Hormonspiegel ab.
Gibt es ansonsten bestimmte Gruppen von Menschen, die mehr unter der Zeitumstellung leiden als andere?
Ja, da spielen sowohl das Alter als auch Gender-Themen und Berufsgruppen eine Rolle. Generell ist es so, dass junge Frauen und ältere Menschen ab etwa 80 Jahren aufwärts häufiger unter Schlafstörungen leiden und diese Gruppen dann oft auch von der Zeitumstellung mehr betroffen sind. Bei älteren Menschen ändert sich die Schlafarchitektur, sie haben mehr Leichtschlaf und weniger Tiefschlaf. Auch der Schlaf-Wach-Rhythmus ändert sich. Die Ursachen dafür liegen zum Beispiel bei Krankheiten, Medikamenten oder veränderten Lebensgewohnheiten. Bei jungen Frauen liegt das daran, dass in den letzten Jahren der soziale Druck zugenommen hat. Hoher Leistungsdruck und Depressionen sind dann bei jungen Frauen häufiger ein Thema als bei jungen Männern, und damit gehen dann auch die Schlafstörungen einher. Ansonsten leiden auch Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, häufiger unter der Zeitumstellung, weil auch sie generell häufiger mit Schlafstörungen zu tun haben.
Egal ob Eule oder Lerche: Ist aus medizinischer Sicht die Umstellung von Sommer auf Winter oder von Winter auf Sommer anstrengender für den Körper?
Laut der Studienlage ist die Umstellung jetzt im März schlimmer als die zum Winter. Die Stunde, die quasi gekürzt wird, wirkt sich mehr auf den Biorhythmus aus. Die deutsche Fachgesellschaft für Schlafstörungen plädiert deshalb dafür, dass die Winterzeit als normale Zeit angesehen und nicht umgestellt werden sollte.
Ist die Zeitumstellung aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Ich schließe mich da der Fachgesellschaft an. Wenn man betrachtet, dass durch die Müdigkeit mehr Unfälle passieren und Krankheiten schlimmer werden können, sollte man auf die Umstellung verzichten. Aus medizinischer Sicht macht es keinen Sinn, das hin- und herzuschieben.
Mit freundlicher Genehmigung der HAZ, Interview: Leonie Habisch