
v. l.: Prof. Dr. Frank Grünhage, Chefarzt der Gastroenterologie, Alina Hellmann, die erste Patientin, die nach der neuen Methode behandelt wurde, Atef Abdelhay, Oberarzt und Dr. Daniel Vidaček, Leitender Oberarzt der Klinik.
Monatelang wurden Essen und Trinken für Alina Hellmann zunehmend zur Belastung. Was zunächst mit gelegentlichen Schluckbeschwerden begann, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer erheblichen Einschränkung ihres Alltags. Nachts konnte sie nicht mehr im Liegen schlafen, beim Essen traten Krämpfe hinter dem Brustbein auf, selbst das Trinken fiel ihr zunehmend schwer. Sie verlor sechs Kilogramm Gewicht. Essen gehen mit Freunden oder unbeschwert Yoga zu unterrichten war kaum noch möglich. Ihre Krankheit nennt sich Achalasie.
Die Achalasie ist eine seltene Funktionsstörung der Speiseröhre. Der untere Speiseröhrenschließmuskel öffnet sich beim Schlucken nicht ausreichend, sodass Nahrung und Flüssigkeit nicht ungehindert in den Magen gelangen können. Typische Folgen sind Schluckstörungen, das Zurückfließen von Nahrung, Schmerzen hinter dem Brustbein und Gewichtsverlust.
Heute sind diese Beschwerden Vergangenheit. Alina Hellmann ist die erste Patientin, die im Sommer am KRH Klinikum Siloah mit einer Peroralen Endoskopischen Myotomie (POEM) behandelt wurde. Zugleich wurde das Verfahren damit erstmals in der Region Hannover etabliert.
Bei Alina Hellmann begann die Erkrankung schleichend. Bereits Monate vor Ostern bemerkte sie erste Unregelmäßigkeiten. Beim Unterrichten von Yoga kam es beispielsweise in bestimmten Körperpositionen zum Aufsteigen von Nahrung. Zunächst vermutete sie, lediglich zu ungünstigen Zeiten vor dem Unterricht gegessen zu haben. Doch die Beschwerden nahmen deutlich zu. Schließlich konnte sie nachts nur noch im Sitzen schlafen.
Im KRH Klinikum Siloah erfolgte die weiterführende Diagnostik einschließlich einer hochauflösenden Ösophagusmanometrie – einer Druckmessung der Speiseröhre während des Schluckens. Die Diagnose stand fest: Achalasie.
„Es war eine große Erleichterung, endlich zu wissen, woher meine Beschwerden kamen“, erinnert sich Hellmann.
Behandlung ohne äußeren Schnitt
Mit der POEM (peroral endoscopic myotomy) stand ihr nun erstmals direkt in der Region Hannover eine moderne minimalinvasive Therapie zur Verfügung. Über einen kleinen Zugang in der Schleimhaut der Speiseröhre legt der Endoskopiker einen Tunnel innerhalb der Speiseröhrenwand an. In diesem Tunnel wird dann die Muskulatur am Übergang zwischen Speiseröhre und Magen gezielt durchtrennt. Anschließend wird der Zugang zur Schleimhaut mit endoskopischen Clips wieder verschlossen.
„Für geeignete Patientinnen und Patienten ist die POEM eine sehr effektive und langfristig wirksame Therapie“, erklärt Dr. med. Daniel Vidaček. „Entscheidend ist eine sorgfältige Diagnostik im Vorfeld, weil die Therapie individuell an die jeweilige Form der Achalasie angepasst werden muss.“
Für Alina Hellmann stand nach der ausführlichen Aufklärung schnell fest, dass sie sich für das neue Verfahren entscheiden wollte. „Mir war wichtig, eine nachhaltige Lösung zu finden“, sagt Hellmann.
Der Eingriff verlief komplikationslos. Bereits am Abend der Behandlung spürte Alina Hellmann eine deutliche Veränderung. „Ich hatte fast vergessen, wie sich ein normaler Zustand überhaupt anfühlt“, sagt sie. „Plötzlich konnte ich wieder normal schlucken, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Ich habe meine Energie zurück und kann wieder uneingeschränkt am Leben teilnehmen.“
Monatelange Vorbereitung im EndoLab
Der erste klinische Eingriff war der Abschluss einer intensiven Vorbereitungsphase. „Ein solches Verfahren führt man nicht einfach von einem Tag auf den anderen ein“, betont Chefarzt Prof. Dr. Frank Grünhage. „Dahinter stehen eine strukturierte Ausbildung, sehr viel Training und ein eingespieltes Team.“
Initiiert wurde das POEM-Programm von Dr. Daniel Vidaček. Gemeinsam mit Oberarzt Atef Abdelhay entwickelte er das Programm weiter und baute die neue Technik strukturiert auf. „Unser oberstes Ziel ist die Patientensicherheit und dies gelingt über ein intensives Training“, so Dr. Vidacek. Entscheidend ist auch die nahtlose Zusammenarbeit mit den Kollegen der Pflege und Anästhesie. Unter der Leitung von Sven Richter begleiteten insbesondere Maren Bete, Dominik Heller, Günter Collatz und Janina Widemann das Training und den Aufbau der neuen Abläufe. Es wurden nicht nur POEM-Eingriffe sondern auch weitere anspruchsvolle Techniken wie die Endoskopische Submukosadissektion, kurz ESD, trainiert.
Begleitet wurde die Einführung durch Prof. Dr. Hans-Peter Allgaier, einen langjährig erfahrenen Experten der Third-Space-Endoskopie aus Freiburg. Den ersten klinischen POEM-Eingriff am Siloah führte Vidaček unter seiner fachlichen Supervision durch. „Seine Erfahrung hat uns geholfen, die zuvor intensiv trainierten Abläufe sicher in die klinische Anwendung zu übertragen. Gerade bei der Etablierung eines hochspezialisierten Verfahrens ist ein solches Mentoring von großem Wert“, betont Vidaček.
Hochspezialisierte Endoskopie wohnortnah
Mit der Einführung der POEM erweitert das KRH Klinikum Siloah sein Spektrum hochspezialisierter interventioneller endoskopischer Verfahren. Patientinnen und Patienten mit Achalasie, die für dieses Verfahren geeignet sind, können damit nun wohnortnah behandelt werden.
„Der entscheidende Unterschied ist, dass wir Achalasie am Siloah heute nicht nur präzise diagnostizieren, sondern geeigneten Patientinnen und Patienten auch die POEM direkt anbieten können“, sagt Oberarzt Atef Abdelhay. „Mit der hochauflösenden Manometrie können wir die Funktionsstörung sehr genau einordnen. Bislang mussten wir Patienten für diese spezialisierte Therapie häufig an überregionale Zentren weitervermitteln. Diese Lücke können wir nun am eigenen Standort schließen.“
Für Prof. Grünhage ist die Einführung zugleich Teil einer langfristigen Entwicklung: „Unser Ziel ist es, moderne endoskopische Therapien dort anzubieten, wo sie für unsere Patientinnen und Patienten einen echten Vorteil bringen. Die POEM ist ein wichtiger weiterer Schritt auf diesem Weg.“
Für Alina Hellmann ist dieser medizinische Fortschritt ganz konkret. „Erst jetzt merke ich, wie sehr die Erkrankung mein Leben vorher bestimmt hat“, sagt sie. Mit neuer Kraft kann sie auch in ihrer Selbstständigkeit als Mentaltrainerin wieder durchstarten. „Ich bin sehr dankbar, dass diese Behandlung nun in Hannover angeboten wird und ich die erste Patientin sein durfte. Dem gesamten Team des Siloah danke ich für die hervorragende Betreuung.“